{"id":222,"date":"2015-05-31T08:53:42","date_gmt":"2015-05-31T07:53:42","guid":{"rendered":"http:\/\/schreibquelle.de\/?p=222"},"modified":"2015-05-31T08:53:42","modified_gmt":"2015-05-31T07:53:42","slug":"gibt-es-hoffnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schreibquelle.de\/?p=222","title":{"rendered":"Gibt es Hoffnung?"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den blauen Planeten von oben sehen, auf Wege von Fl\u00c3\u00bcchtlingen zoomen.<\/p>\n<p>Aus Zentralafrika brechen Menschen auf, um Europa zu erreichen. Bevor sie sich aufmachen, wissen sie wenig von Europa \u00e2\u20ac\u201c es scheint ein Paradies zu sein, in dem es nur Reiche gibt. Reiche, die als Touristen Afrika besuchen.<\/p>\n<p>Miriam Fa\u00c3\u0178bender hat in ihrem Film \u00e2\u20ac\u017eFremd\u00e2\u20ac\u0153 dokumentiert, wie es ist, unterwegs zur Festung Europa zu sein. Nehmen wir einen jungen Mann aus Mali, Anfang zwanzig, dessen Vater vor kurzem gestorben ist. Er ist der \u00c3\u00a4lteste von sieben Geschwistern und hat keinerlei Chancen, in Mali Arbeit zu finden. Seine Mutter beschlie\u00c3\u0178t, die Rinder zu verkaufen, von denen die Familie bisher gelebt hat und ihren \u00c3\u201eltesten nach Europa zu schicken. Mit dem gesamten Erl\u00c3\u00b6s von 1500 Euro verl\u00c3\u00a4sst der junge Malier seine Familie. Illegal muss er die verschiedenen innerafrikanischen Grenzen \u00c3\u00bcberschreiten, sich in jedem Land irgendwie \u00c3\u00bcber Wasser halten. Er begegnet anderen Fl\u00c3\u00bcchtlingen, er trifft Schleuser, die er ben\u00c3\u00b6tigt, um voran zu kommen. Bevor er nach Marokko gelangt, ist seine gesamte Barschaft aufgebraucht. Er verdingt sich bei Bauern, tr\u00c3\u00a4umt davon, die Felder in Mali \u00c3\u00a4hnlich bew\u00c3\u00a4ssern zu k\u00c3\u00b6nnen. Am liebsten w\u00c3\u00bcrde er umkehren, auch weil er inzwischen erfahren hat, dass Europa die Afrikaner nicht mit offenen Armen aufnimmt. Er wei\u00c3\u0178 nun auch von den Gefahren, im Mittelmeer zu ertrinken. Aber er darf die Erwartungen seiner Familie nicht entt\u00c3\u00a4uschen, zumal er kein Geld mehr hat. \u00c3\u0153berw\u00c3\u00a4ltigt ihn hin und wieder die Sehnsucht und er nimmt telefonischen Kontakt zu seiner Mutter auf, f\u00c3\u00bcrchtet er sich vor der schrecklichen, vor der unausweichlichen Frage nach dem ausbleibenden Geld f\u00c3\u00bcr die Familie! Er muss weiter. Er muss genug Geld verdienen, um auf eines dieser Boote zu gelangen. Andere Fl\u00c3\u00bcchtlinge, denen er begegnet, sind schon seit f\u00c3\u00bcnf Jahren unterwegs, haben es bereits einmal nach Lampedusa geschafft, wurden wieder nach Marokko abgeschoben, haben Angeh\u00c3\u00b6rige, die im blauen Grab ertrunken sind\u00e2\u20ac\u00a6<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kamera zoomt auf Syrien, zerbombte St\u00c3\u00a4dte, Aussichtslosigkeit, die sich bei den \u00c3\u0153berlebenden breit macht. Oft wagen es zuerst die M\u00c3\u00a4nner, die jungen oder die Familienv\u00c3\u00a4ter. Sie setzen auf Asyl in Europa, lassen Frau und Kinder zur\u00c3\u00bcck, um sie m\u00c3\u00b6glichst bald nachzuholen. Viele sind gebildet, sind Lehrer, Ingenieure, B\u00c3\u00bcroangestellte und bereiten sich gut vor. Ins Gep\u00c3\u00a4ck kommen ein wenig Kleidung, das Smartphone mit den wichtigsten Kontaktdaten und Fotos von den Lieben zuhause, Bargeld und der kleine Gebetsteppich. Sie schaffen es schneller, bezahlen die richtigen Schleuser, gelangen nach Europa, ins Land ihrer Hoffnung. Nein, es ist kein Land, dieses Europa, es besteht aus einzelnen L\u00c3\u00a4ndern, die Deutschland, Schweden, Niederlande hei\u00c3\u0178en.<\/p>\n<p>Die Syrer wollen dorthin, wo bereits Familienangeh\u00c3\u00b6rige oder Freunde leben, nach Berlin oder Mannheim oder Stockholm. Nun gilt es, auf europ\u00c3\u00a4ischem Boden, weiter nach Norden zu gelangen, nicht in Griechenland oder Italien zu bleiben, zudem will man sie dort nicht. Wie gerade die Wege g\u00c3\u00bcnstig sind, spricht sich herum: etwa, die gr\u00c3\u00bcne Grenze zwischen Kosovo und Ungarn.<\/p>\n<p>Ein Syrer, nennen wir ihn Rafik, schafft es. Doch die Freude, dass er diese H\u00c3\u00bcrde genommen hat, w\u00c3\u00a4hrt nur kurz. Er wird im ungarischen Szeged aufgegriffen, wie ein Schwerkrimineller behandelt. Den Polizisten sind die Fl\u00c3\u00bcchtlinge l\u00c3\u00a4stig, die europ\u00c3\u00a4ischen Menschenrechte \u00c3\u00a4hnlich weit entfernt wie Br\u00c3\u00bcssel: Rafik muss die H\u00c3\u00a4nde im R\u00c3\u00bccken verschr\u00c3\u00a4nken, dann bindet man sie mit schmalen Plastikgurten fest, die in gr\u00c3\u00b6\u00c3\u0178erer St\u00c3\u00bcckzahl verf\u00c3\u00bcgbar sind als Handschellen. Rafik wird in eine Zelle geschubst, in die Ungewissheit. Als Rafik nach zwei Tagen die Zelle verlassen darf, ein wenig Eintopf vorgesetzt bekommt, ist er \u00c3\u00bcberrascht, dass er sein Gep\u00c3\u00a4ck zur\u00c3\u00bcck erh\u00c3\u00a4lt. Es geht wieder in die Freiheit, in einen Bus nach Belgrad. Im Bus stellt er fest, dass aus seiner Reisetasche das Smartphone fehlt und damit die Fotos, die Telefonnummern\u00e2\u20ac\u00a6 Rafik weint. Jetzt hat er alles verloren.<\/p>\n<p>Irgendwie kommt er nach N\u00c3\u00bcrnberg. Im Erstaufnahmelager trifft er zuf\u00c3\u00a4llig einen fr\u00c3\u00bcheren Nachbarn. Beide fallen sich in die Arme, k\u00c3\u00b6nnen ihr Gl\u00c3\u00bcck kaum fassen.<\/p>\n<p>Inzwischen erf\u00c3\u00a4hrt Rafik genauer, was Dublin 3 bedeutet; bisher wusste er nur, dass er keiner Beh\u00c3\u00b6rde sagen darf, wo er zuerst einen Fu\u00c3\u0178 auf europ\u00c3\u00a4ischen Boden gesetzt hat. Jetzt h\u00c3\u00b6rt er, dass er nach Ungarn r\u00c3\u00bcck abgeschoben werden kann, weil er dort seine Fingerabdr\u00c3\u00bccke lassen musste. In Rafik kriecht die Angst hoch: werden sie in dort wieder ins Gef\u00c3\u00a4ngnis sperren, vielleicht wochen- oder monatelang? Werden sie ihn von Ungarn nach Syrien zur\u00c3\u00bcck schicken? Welche Zukunft wartet in Ungarn auf ihn, in dem Land, in dem er keine Freunde hat? Der Sachbearbeiter, bei dem Rafik seinen Asylantrag abgibt, hofft mit ihm, dass er in Deutschland bleiben kann. Er informiert Rafik, dass man die Entscheidung des Richters abwarten muss.<\/p>\n<p>W\u00c3\u00a4hrend Rafik eine Aufenthaltserlaubnis f\u00c3\u00bcr sechs Monate zugestellt wird, erhalten andere Syrer bereits die ersehnte Zusage, drei Jahre in Deutschland bleiben zu k\u00c3\u00b6nnen. Auch sie haben in irgendeinem s\u00c3\u00bcdeurop\u00c3\u00a4ischen Land Europa betreten. Aber sie hatten das Gl\u00c3\u00bcck, dass es dar\u00c3\u00bcber keinen Nachweis gibt.<\/p>\n<p>Rafik und andere Fl\u00c3\u00bcchtlinge beginnen Deutsch zu lernen, einfache Worte wie bitte, danke, haben, gehen. Schwierigere W\u00c3\u00b6rter bringen sie von der Fl\u00c3\u00bcchtlingsberatung mit: Aufenthaltstitel, Bescheid, Familienzusammenf\u00c3\u00bchrung.<\/p>\n<p>Rafik versucht, nach vorne zu schauen. Den Verlust seines Smartphones\u00c2\u00a0 und seines Gebetsteppichs hat er verschmerzt, aber wie soll er mit dieser Unsicherheit leben? Wie seinen Familienangeh\u00c3\u00b6rigen in Syrien begreifbar machen, warum sie immer noch nicht nachreisen d\u00c3\u00bcrfen?<\/p>\n<p>Manchmal, wenn er wieder nicht schlafen kann, geht er auch nachts an seinen Briefkasten, sperrt auf und schaut nach, ob der Bescheid endlich da ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Den blauen Planeten von oben sehen, auf Wege von Fl\u00c3\u00bcchtlingen zoomen. 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